Zwischenräume

Dagmar Lott-Reschke, M. A.

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Fünfzig Jahre nach dem "Ausstieg aus dem Bild" erprobt eine junge Künstlergeneration den Wiedereinstieg. Mit seinen aktuellen Arbeiten präsentiert Malwin Faber (*1990) eine intensive Forschungsreihe zu abstrakter Malerei und Bildraum.

Faber erzeugt komplexe Synergien aus gestischen Spuren, scharfkantigen Cutouts, Linien und materialen Texturen. Die Fülle verschiedenartiger ineinander verwobener Farben und Formen wirkt zunächst wie ein Gordischer Knoten, der die ganze Aufmerksamkeit des Betrachters fordert. Dabei entwickelt Faber ein faszinierendes Wechselspiel von scheinbar widersprüchlichen Bilderfahrungen und setzt gegenläufige Akzente: Geometrisierende Elemente kontrastieren mit schwungvollen Pinselstrichen, Kleinteiliges mit Großflächigem, Konzentration mit Zentrifugalkraft. Auffallend ist die Gleichzeitigkeit von Rasanz und Ruhe, von Zufall und Präzision. Der Bildaufbau gleicht einer Improvisation im Jazz, ist eine Mischung aus Freiheit und Disziplin mit alternierenden Rhythmen.

Fabers großformatige Leinwände wie auch seine Collagen auf Papier leben durch eine erfindungsreiche Technik der Schichtung und überlagerung. Häufig bedeckt er einzelne Partien mit Klebeband, welche er dann nach der übermalung mit neuen Farben und Formen wieder freilegt. Der Effekt ist, wie auch bei seiner Nutzung von Schablonen mit Sprühlack, eine Irritation in der Wahrnehmung der räumlichen Organisation des Bildes. Hinteres erscheint nun vorgelagert, Positives entsteht aus dem Negativ und auch zeitlich Zurückliegendes drängt sich ins Gegenwärtige. Mit dieser Art der Anti-Komposition zerbricht Faber das Raumzeitkontinuum traditioneller Bildauffassung. Sein System der sich durchdringenden planparallelen Ebenen macht eine überraschende Vielfalt an Zwischenräumen sichtbar, zugleich aber löst es die gewohnte perspektivische Beziehung der Gegenstände in einem linear in die Tiefe verlaufenden Raum auf.

Obwohl die abstrakten Bilder auch weiterhin den Eindruck illusionistischer Räumlichkeit erwecken, stellt man fest, dass Faber ein Bild nicht vom Körper (des Malers), sondern vom Raum her, aus der Tiefe entwirft. Der Raum ist dabei nicht naturhaft gegeben, sondern er wird komponiert. Max Raphael beschrieb dieses Phänomen bei George Braque: „Solange man vom Körper ausgeht, ist Raumgestaltung der Versuch, vom Endlichen ins Unendliche vorzudringen, sobald man dagegen vom Raum (…) ausgeht, wird Raumgestaltung der Versuch, vom Unendlichen zum Endlichen zu kommen.“ Raum ist demnach ein künstlerisches Kompositum und Neuschöpfung der Gegenwart. Legt die Zentralperspektive den Raum als etwas Dauerhaftes und Unbewegtes fest, erzeugt die neue Diskontinuität der Raumstruktur eine Loslösung vom Statischen. Der Raum wird hier als bewegt und plastisch erfasst.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der informelle Malgestus, der in Fabers neuen Bildern zunehmend präsent ist. Die eindringliche Ausführung seiner dynamischen Setzungen ist Spurensicherung der eigenen künstlerischen Kraft und Identität. Jedes Bild ist ein neuer Einstieg in die Möglichkeiten der Malerei.


Quelle: Kunstforum Markert Gruppe